Als meine Eltern von meiner Behinderung erfuhren, wurden sie von Sorgen um meine Zukunft erfasst. Sie fragten sich: «Wie wird sie an den Aktivitäten in der Schule teilnehmen können? Welche Eigenständigkeit wird sie erreichen? Wie werden die Menschen im öffentlichen Raum auf ihr Anderssein reagieren?»
Diese Fragen und Unsicherheiten machen ein grundlegendes Problem sichtbar: Sobald ein Unterschied benannt oder eine Diagnose gestellt wird, geht dies mit der Angst einher, benachteiligt zu werden oder seine Rechte nicht wahrnehmen zu können.
Dabei gilt ein zentraler Grundsatz: Alle Menschen werden frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Und es ist Aufgabe der Gesellschaft, den tatsächlichen, hindernisfreien Zugang zu diesen Rechten zu gewährleisten.
Denn die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist kein Privileg – sie ist ein Menschenrecht. Dieses Recht umfasst den effektiven strukturellen, materiellen und sozialen Zugang zu Bildung, Arbeit, öffentlichem Leben sowie die Möglichkeit, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Keine Behinderung sollte dazu führen, sich für die eigene Existenz, für Bedürfnisse oder für die eigene Präsenz rechtfertigen zu müssen. Selbstbestimmung ist keine Option – sie ist unveräusserlich.
Ableismus – das System, das Menschen mit Behinderungen abwertet, unsichtbar macht und strukturell ausschliesst – ist nichts Natürliches. Er ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das einige privilegiert und andere benachteiligt. Ihn zu bekämpfen bedeutet, die Menschenrechte zu verteidigen.
Die Barrieren für eine gleichberechtigte Teilhabe sind real: Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, Zugang zu würdiger Gesundheitsversorgung zu erhalten, sich fortzubewegen, zu studieren oder zu arbeiten. Barrierefreiheit – ob physisch, digital, sprachlich oder sozial – darf niemals als Gefälligkeit betrachtet werden, sondern ist ein grundlegendes Recht.
Ableismus tritt zudem nie isoliert auf. Wie jede Form von Ungerechtigkeit verstärkt er sich, wenn er auf andere Diskriminierungen trifft.
Eine Frau mit Behinderung zu sein bedeutet zum Beispiel, zehnmal häufiger Gewalt ausgesetzt zu sein. Für queere, rassifizierte oder anderweitig marginalisierte Menschen fehlen uns die Daten – doch wir wissen, wo sich Diskriminierungen überschneiden, werden ihre Folgen noch komplexer und unsichtbarer.
Um voranzukommen, brauchen wir einfache, aber entscheidende Verpflichtungen. Deshalb unterstützt Amnesty International Schweiz die Inklusions‑Initiative und fordert:
- Die effektive und sofortige Umsetzung der UNO‑Behindertenrechtskonvention;
- Ein dezidiertes Vorgehen gegen Diskriminierung und Ableismus;
- Konkrete Massnahmen, um Barrierefreiheit und wirklich inklusive Strukturen zu erreichen.
Damit eines Tages die Angst vor sozialer Benachteiligung dem vollen und uneingeschränkten Zugang zu den Menschenrechten weicht.