© ABDULAZIZ KETAZ/AFP via Getty Images
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Syrien

Regierungstruppen und verbündete Milizen haben Dutzende Drus*innen in Suweida aussergerichtlich hingerichtet

Die syrische Regierung muss Angehörige ihrer Sicherheits- und Streitkräfte sowie Mitglieder nahestehender Milizen für die Tötung drusischer Männer und Frauen zur Rechenschaft ziehen, fordert Amnesty International. Der Menschenrechtsorganisation liegen stichhaltige Beweise vor, dass Regierungstruppen und verbündete Kräfte für die aussergerichtliche Hinrichtung Dutzender Menschen am 15. und 16. Juli in Suweida verantwortlich sind.

Details

In verfizierten Videos ist zu sehen, wie bewaffnete Männer in Uniformen der Sicherkräfte und in Militäruniformen, einige davon mit offiziellen Abzeichen, unbewaffnete Menschen in Wohnhäusern, auf einem öffentlichen Platz, an einer Schule und in einem Krankenhaus hinrichten. Am 31. Juli setze das Innenministerium einen Ausschuss ein, um die in Suweida begangenen Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

«Die Männer in Militär- und Sicherheitsuniformen und andere, dazugehörige Männer hatten keine Angst, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, sondern haben sich selbst sogar dabei gefilmt, wie sie Menschen in Suweida hinrichten» Diana Semaan, Researcherin für Syrien bei Amnesty International

«Wenn Angehörige der Sicherheitskräfte oder des Militärs jemanden vorsätzlich und rechtswidrig töten oder wenn verbündete Kräfte dies mit Billigung oder Duldung der Regierung tun, handelt es sich um eine aussergerichtliche Hinrichtung, die ein Verbrechen unter dem Völkerrecht darstellt. Die syrische Regierung muss diese Hinrichtungen unverzüglich, unabhängig, unparteiisch und transparent untersuchen und die Verantwortlichen in fairen Verfahren zur Rechenschaft ziehen, ohne auf die Todesstrafe zurückzugreifen», so Diana Semaan, Researcherin für Syrien bei Amnesty International.

«Die schrecklichen Menschenrechtsverletzungen in Suweida sind eine weitere düstere Mahnung. Die notorische Straflosigkeit bei religiös motivierten Tötungen hat Regierungstruppen und ihr nahestehende Kräfte ermutigt, ohne Angst vor Strafe zu töten.»

«Nach den rechtswidrigen Tötungen von Hunderten von Zivilist*innen aus der alawitischen Minderheit und dem anhaltenden Ausbleiben strafrechtlicher Konsequenzen hinterlässt diese Gewalt gegen Angehörige der drusischen Minderheit eine weitere Gemeinschaft erschüttert zurück. Sie schürt weitere Unruhen und untergräbt das Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung, allen Menschen im Land, die jahrzehntelang unter schweren Menschenrechtsverletzungen gelitten haben, glaubwürdig zu Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu verhelfen.»

Gewalteskalation im Süden Syriens

Zwischen dem 11. und 12. Juli 2025 kam es im Süden Syriens zu Spannungen zwischen drusischen bewaffneten Gruppen und Kämpfern beduinischer Stämme, die zu bewaffneten Zusammenstössen führten. Am 15. Juli gaben Regierungstruppen bekannt, dass sie in die Stadt Suweida einmarschiert seien, um «die Stabilität wiederherzustellen», und verhängten eine Ausgangssperre. Am selben Tag führte Israel Luftangriffe gegen syrische Militärfahrzeuge durch, bei denen mindestens 15 Angehörige der Regierungstruppen getötet wurden. Neue Berichte über Menschenrechtsverletzungen durch Regierungstruppen und ihnen nahestehende Milizen in Suweida lösten erneute Kämpfe mit drusischen bewaffneten Gruppen aus, was zu einer Eskalation der Gewalt führte, die mit dem Rückzug der Regierungstruppen in den späten Abendstunden des 16. Juli endete. 

Amnesty International dokumentierte die vorsätzliche Erschiessung und Tötung von 46 Drus*innen (44 Männer und zwei Frauen) sowie die Scheinhinrichtung von zwei älteren Menschen am 15. und 16. Juli. Die Hinrichtungen durch Regierungs- und regierungsnahe Kräfte fanden auf einem öffentlichen Platz, in Wohnhäusern, einer Schule, einem Krankenhaus und in einer Veranstaltungshalle im Gouvernement Suweida statt.

An den Tagen, an denen diese aussergerichtlichen Hinrichtungen verübt wurden, richteten bewaffnete Männer in Suweida sektiererische Parolen gegen Angehörige der drusischen Gemeinschaft und unterzogen gläubige Männer erniedrigenden Behandlungen, indem sie ihnen beispielsweise die zu ihrer Kultur gehörenden Schnauzbärte abrasierten.

Amnesty International befragte 13 Personen in Suweida und zwei im Ausland lebende Personen, die aus Suweida stammen. Acht der 15 Befragten hatten Familienangehörige, die hingerichtet wurden. Eine dieser Personen war bei der Hinrichtung ihrer Familienangehörigen zugegen, eine andere hatte die Hinrichtung einer Gruppe von Menschen aus nächster Nähe miterlebt. Fünf Personen hatten verschiedene Hinrichtungsorte aufgesucht und die Leichname ihrer Angehörigen und anderer Personen gesehen. Die Eltern einer Frau wurden einer Scheinhinrichtung ausgesetzt, zwei weitere Befragte zusammen mit ihren Familien festgehalten und mit Waffen bedroht, während bewaffnete Männer in Militäruniformen ihre Häuser durchsuchten.

Das Evidence Lab, das digitale Untersuchungsteam von Amnesty International, überprüfte 22 Videos und Fotos, die dem Team zwischen dem 15. Juli und dem 10. August zur Verfügung gestellt oder in Sozialen Medien veröffentlicht wurden, und führte eine Waffenanalyse durch. Amnesty International erfasste auch Aussagen von Zeug*innen und Familienangehörigen der Personen, die hingerichtet wurden oder deren Leichname in den Videos zu sehen waren. Ausserdem hat Amnesty Fotos und Videos, die zwischen dem 14. und 17. Juli in Suweida und Umgebung gemacht und von den Medien veröffentlicht wurden ausgewertet.

Amnesty International liegen darüber hinaus glaubwürdige Berichte über Entführungen vor, die zwischen dem 17. und 19. Juli von drusischen bewaffneten Gruppen und Kämpfern beduinischer Stämme begangen wurden. Diese Berichte werden derzeit von der Organisation untersucht.

Am 12. August wandte sich Amnesty International schriftlich an den syrischen Innen- und den Verteidigungsminister, teilte ihnen die vorläufigen Erkenntnisse mit und bat um Informationen über den Stand der staatlichen Ermittlungen zu den Ereignissen, einschliesslich der Rolle der Sicherheitskräfte, der Massnahmen zur Strafverfolgung der Verantwortlichen und der Massnahmen, die vor den Kämpfen, währenddessen und danach ergriffen wurden, um die Zivilbevölkerung vor Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag noch keine Antwort vor.

Regierungstruppen eindeutig an Gewalt beteiligt

Alle der 46 aussergerichtlichen Hinrichtungen, die von Amnesty International dokumentiert wurden, fanden am 15. oder 16. Juli in der Stadt Suweida oder deren Umgebung statt, nachdem Regierungstruppen in die Stadt einmarschiert waren und eine Ausgangssperre verhängt hatten.

Am 22. Juli erklärte der Verteidigungsminister, er habe Kenntnis von «schockierenden und schwerwiegenden Verstössen, die von einer unbekannten Gruppe in Militäruniformen in der Stadt Suweida begangen wurden». Zwei Monate zuvor, am 23. Mai, hatte der Verteidigungsminister bekannt gegeben, dass die grössten ehemaligen bewaffneten Gruppen, die in Syrien aktiv waren, in die syrische Armee integriert worden seien. Er setzte den noch verbleibenden kleineren Gruppen eine Frist von zehn Tagen, um ebenfalls der Armee beizutreten oder mit strengen Massnahmen rechnen zu müssen. 

Nach den von Amnesty International zusammengetragenen Beweisen trugen die an den Hinrichtungen beteiligten Männer verschiedene Arten von Kleidung: Militäruniformen, die an ihrem Tarnmuster oder ihrer einfarbigen beige- oder olivgrünen Farbe zu erkennen waren, Zivilkleidung mit militärischen Westen und einfarbige schwarze Uniformen, die denen der offiziellen Sicherheitskräfte ähnelten – einige davon mit dem Abzeichen der «Allgemeinen Sicherheit» (General Security).

Die meisten bewaffneten Männer in Militär- und Sicherheitsuniformen, die in den von Amnesty International überprüften Videos und Bildern zu sehen sind, tragen keine erkennbaren Abzeichen. Amnesty International hat jedoch Videos verifiziert, die bewaffnete Männer in Uniformen ohne Abzeichen zeigen, die in Lastwagen mit dem deutlich erkennbaren Logo des Innenministeriums fahren, sowie Videos mit bewaffneten Männern in unterschiedlichen Uniformen mit deutlich erkennbaren Regierungsabzeichen und ohne, die unmittelbar vor einer Hinrichtung im staatlichen Krankenhaus zusammenarbeiten.

«Die Männer in Militär- und Sicherheitsuniformen und andere, dazugehörige Männer hatten keine Angst, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, sondern haben sich selbst sogar dabei gefilmt, wie sie Menschen in Suweida hinrichten. Eine unabhängige und unparteiische Untersuchung ist unerlässlich, um die Verantwortlichen zu identifizieren, sie zur Verantwortung zu ziehen und gegen die Straflosigkeit vorzugehen», erklärt Diana Semaan.

Gefilmte Hinrichtungen

Die von Amnesty Internationals Evidence Lab verifizierten Videos zeigen Männer in Polizeiuniformen, die mindestens zwölf Männer mit Schusswaffen töten – einen an einer Schule, acht auf einem öffentlichen Platz und drei bei einer Wohnung. Die Organisation hat enge Angehörige und Anwohner*innen befragt, um die Identität der Getöteten zu verifizieren.

Amnesty International hat die Hinrichtungen von acht Männern auf dem Tishreen-Platz [auch als Khaldoun-Zeinedine-Platz bekannt] dokumentiert. Ein verifiziertes Video, das von einem der Täter gefilmt wurde, zeigt acht Männer in Zivilkleidung umringt von bewaffneten Männern. Die Männer werden von mindestens zwölf Männern, die mit Sturmgewehren bewaffnet sind und Militäruniformen mit unterschiedlichen Mustern oder taktischer Ausrüstung tragen, eine Strasse entlang zum Platz eskortiert. Einer der Bewaffneten trägt eine schlichte schwarze Uniform.

Ein anderes verifiziertes Video zeigt einen Mann in Zivilkleidung, der vor dem Eingang einer öffentlichen Schule im Dorf Tha‘la auf dem Land bei Suweida sitzt und von mindestens drei mit Sturmgewehren bewaffneten Männern in Militäruniformen befragt wird. Bei mindestens einer der Waffen handelt es sich um eine AKM. In dem Video fragt ihn einer der bewaffneten Männer, ob er Moslem oder Druse sei. Der Mann antwortet, er sei Syrer. Als einer von ihnen ihn erneut fragt, antwortet der Mann, dass er Druse sei, worauf er von den Männern erschossen wird.

Drei Personen aus dem Dorf Tha'la berichteten Amnesty International, dass die Hinrichtung des Mannes an der öffentlichen Schule am 15. Juli stattfand und dass bewaffneten Männer in Militäruniformen mit verschiedenen Aufdrucken und Männer in schlichten schwarzen Uniformen mit Abzeichen der Allgemeinen Sicherheit am frühen Morgen desselben Tages mit schwerem Gerät, darunter Panzer, in das Dorf gekommen waren.

«Sie haben uns kaltblütig umgebracht»

Eine Frau berichtete Amnesty International, dass ihre beiden Brüder und ihr Neffe zusammen mit vier weiteren Männern, die bei ihnen wohnten, am 16. Juli gegen 17:30 Uhr in einem Haus in der Nähe des staatlichen Krankenhauses hingerichtet wurden.

Sie und andere Familien hätten eigentlich geglaubt, als Zivilpersonen sicher zu sein. «Stattdessen haben sie uns kaltblütig umgebracht», sagte sie. Sie beschrieb, dass sie den ganzen Tag lang gesehen hatten, wie Panzer in der Nachbarschaft hin und her fuhren, bevor drei bewaffnete Männer in beigefarbenen Militäruniformen an ihre Tür klopften: «Einer von ihnen sagte, wir seien sicher und sollten die Tür öffnen. Mein Bruder hat sofort die Tür geöffnet ... und sie hereingebeten ... Sie haben das Haus durchsucht. Sie brachten alle Männer zu einem in Bau befindlichen Gebäude nebenan ... Dann hörte ich die Schüsse. Ich habe von der Tür aus herübergeschaut. Ich habe zwei der Soldaten gesehen, den dritten konnte ich nicht sehen ...»

Sie sagte, einer der Soldaten habe sie gesehen und in ihre Richtung geschossen. Die Männer kamen an dem Abend nicht mehr zurück: «Am nächsten Tag, als die Regierungstruppen weg waren, wurden wir durch Schreie geweckt. Unsere Nachbarn hatten die Männer tot in dem unfertigen Gebäude nebenan gefunden.»

Am gleichen Tag, dem 16. Juli, erschossen Männer in Militäruniformen in einem Wohnhaus am Tishreen-Platz einen 70-jährigen Mann in einem Rollstuhl mit zwei seiner Angehörigen, wie jemand aus dem engsten Familienkreis berichtete.

Am 15. Juli erzählte ein Vater, der angesichts zunehmender Berichte über die Hinrichtung drusischer Männer beschlossen hatte, mit seiner Familie aufs Land zu fliehen, dass seine drei Söhne und drei Neffen an einem mit zwei Männern in schwarzen Uniformen bemannten Kontrollpunkt erschossen wurden. Er und seine Frauen seien mit ihrem Wagen vorausgefahren, während ihr Sohn ihnen in einem anderen Auto mit seinen zwei Brüdern und drei Cousins gefolgt sei.

Er sagte: «Die Sicherheitskräfte fragten mich, ob das Fahrzeug hinter mir zu mir gehören würde. Ich sagte ja. Die beiden gingen dann zum Auto meines Sohnes. Ich habe sie über den Rückspiegel beobachtet. Ich sah, wie mein Sohn sie anlächelte und salam aleikum [Der Friede sei mit euch] sagte. Eine der beiden Sicherheitskräfte trat einen Schritt zurück, grüsste ebenfalls und fing plötzlich an zu schiessen – einfach so. Dann begann auch der zweite Beamte zu schiessen. Am schlimmsten war es für mich, sehen zu müssen, wie der Körper meines Sohnes im Kugelhagel zuckte.»

Amnesty International hat Bilder vom Ort des Geschehens überprüft. Sie zeigen eine Limousine mit zerbrochenen Fenstern und mindestens 60 Einschusslöchern, die aus zwei verschiedenen Winkeln abgefeuert wurden.

Hinrichtung im staatlichen Krankenhaus

Amnesty International hat auch die Hinrichtung einer medizinischen Fachkraft in einem Krankenhaus in Suweida durch Männer in Militäruniformen dokumentiert. Dabei waren weitere bewaffnete Männer und ein Angehöriger der Allgemeinen Sicherheit anwesend.

Verifiziertes Videomaterial von Überwachungskameras zeigt mindestens 15 bewaffnete Männer, die sich am 16. Juli vor dem Eingang des Krankenhauses befinden. Zwölf von ihnen tragen Militäruniformen, zwei davon mit den schwarzen Abzeichen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis darauf. Drei tragen die Uniform des Allgemeinen Sicherheitsdienstes. Drei weitere tragen Zivilkleidung.

Ein Video, das am 16. Juli um 15:24 Uhr aufgenommen wurde, zeigt sieben bewaffnete Männer, von denen einige bereits im vorherigen Video zu sehen waren, beim Betreten der Eingangshalle des Krankenhauses, darunter einer in der Uniform des Allgemeinen Sicherheitsdienstes und einer mit einem Abzeichen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Sie treiben mindestens 38 Personen zusammen, von denen die meisten Krankenhauskleidung tragen, und zwingen sie, sich mit erhobenen Händen hinzuknien.

Ein medizinischer Mitarbeiter, Mohammed Rafiq al-Bahsas, scheint zu versuchen, mit den bewaffneten Männern zu verhandeln, wird jedoch offenbar auf Befehl des Mannes in schwarzer Uniform aus der Gruppe gezogen, auf den Kopf geschlagen und zu Boden geworfen, wo er von bewaffneten Männern umringt liegt. Al-Bahsas scheint mit erhobenen Händen um sein Leben zu flehen. Ein Mann in Militäruniform nimmt ein Gewehr und schiesst zweimal aus nächster Nähe auf ihn. Sofort darauf wird er von einem anderen Mann, ebenfalls in Militäruniform, mit einer Pistole erschossen. Siebenundzwanzig Sekunden später schleppt ein weiterer bewaffneter Mann in Militäruniform Al-Bahsas' Leichnam weg.

Medienmitteilung 2. September 2025, London/Bern – Medienkontakt