Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar 2026 haben die iranischen Behörden die Repression im Land massiv verschärft und mindestens 52 Menschen wegen politisch motivierter Vorwürfe hingerichtet. Dafür zogen sie zunehmend weit gefasste Anklagen im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit heran – darunter Spionage und Zusammenarbeit mit feindlichen Staaten.
Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres wurden mindestens 26 Personen im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026 hingerichtet. Die Todesurteile folgten auf grob unfaire Verfahren vor Revolutionsgerichten, die von Foltervorwürfen, erzwungenen «Geständnissen» und der Verweigerung grundlegender Verfahrensrechte geprägt waren. Weitere 26 Personen wurden wegen anderer politisch motivierter Vorwürfe hingerichtet, während weiterhin Hunderte von Hinrichtungen wegen Drogendelikten und anderer Straftaten vollstreckt wurden.
Todesstrafe als Instrument der Einschüchterung
«Die iranischen Behörden entfesseln eine erschütternde Welle von Hinrichtungen und Todesurteilen, um Dissens zu bestrafen und jede Form von Widerstand zu ersticken», sagt Heba Morayef, Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International. «Die verhaltene Reaktion der internationalen Gemeinschaft ermutigt die Behörden, diese tödliche Repressionskampagne fortzusetzen. Die Zeit der stillschweigenden Hinnahme muss enden.»
Amnesty International dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen Protestierende wegen vager und überzogener Anklagen wie «Feindschaft gegen Gott» oder «Verdorbenheit auf Erden» zum Tode verurteilt wurden. Betroffen sind auch Menschen, denen Sachbeschädigung, Brandstiftung oder die Teilnahme an Strassenblockaden vorgeworfen wird – Taten, die nach internationalem Recht keinesfalls mit der Todesstrafe geahndet werden dürfen.
Der Anstieg der Verhängung der Todesstrafe geht einher mit einer Flut von offiziellen Erklärungen und Berichten in den staatlichen Medien, in denen die Proteste vom Januar 2026 systematisch als «amerikanisch-zionistische Terrorverschwörung» oder als «Staatsstreich» dargestellt werden. Besonders alarmierend ist die zunehmende Anwendung eines neuen Spionagegesetzes, das im Juni 2026 verabschiedet wurde. Es kriminalisiert unter anderem den Austausch von Informationen mit Medien und die Teilnahme an friedlichen Protesten.
Erschreckende Zahlen
Politisch motivierte Hinrichtungen seit Februar 2026, mindestens
0Vollstreckte Todesurteile gegen Protestierende im 1. Halbjahr 2026, mindestens
0Neue Todesurteile gegen Protestierende seit Ende Blackout im Mai 2026, mindestens
0
Drastischer Anstieg der Todesurteile
Seit dem Ende des fast dreimonatigen Internet-Blackouts im Mai 2026 hat Amnesty International mindestens 28 neue Todesurteile registriert, doch die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Angesichts der Tatsache, dass im Zusammenhang mit den Protesten Tausende festgenommen wurden und Angehörige aus Angst vor Repressalien oft davon absehen, Todesurteile öffentlich zu melden, ist davon auszugehen, dass weitaus mehr Demonstrierende von der Todesstrafe bedroht sind.
Nach Angaben von «Iran Human Rights», einer ausserhalb des Iran ansässigen Menschenrechtsorganisation, wurden allein in einem Gefängnis in der Provinz Isfahan mehr als 70 Personen, die im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026 festgenommen worden waren, zum Tode verurteilt.
Unter den akut Gefährdeten befinden sich auch Benyamin Naghdi und Peyman Ganji, die nach Informationen von Amnesty International auf Grundlage erzwungener Geständnisse zum Tode verurteilt wurden. Mindestens drei weitere Betroffene waren zum Zeitpunkt der ihnen vorgeworfenen Taten noch Kinder. Die Verhängung der Todesstrafe gegen Minderjährige ist nach internationalem Recht strikt verboten.
Die internationale Gemeinschaft muss umgehend und koordiniert handeln. Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, alle geplanten Hinrichtungen sofort auszusetzen und ein offizielles Moratorium für die Todesstrafe mit dem Ziel ihrer vollständigen Abschaffung zu verhängen. Die Uno-Mitgliedstaaten sollen die Menschenrechtskrise im Iran zur Priorität erklären, einen unabhängigen Rechenschaftsmechanismus unterstützen und eine Überweisung an den Internationalen Strafgerichtshof vorantreiben.
Neueste Beiträge zum Iran
- Iran
Brutale Niederschlagung der Proteste gegen Mahsa Aminis Tod
Iranische Sicherheitskräfte gehen gewaltsam gegen weitgehend friedliche Proteste vor, die nach dem Tod von Mahsa Amini am 16. September ausbrachen. Die junge Frau war wegen Verstosses gegen das Versch...
- Abgeschlossene Briefaktion Iran
Immer schärfere Angriffe auf die Minderheit der Baha’i
Seit dem 31. Juli 2022 haben die iranischen Behörden Dutzende von Häusern von Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Baha’i durchsucht und Wertgegenstände beschlagnahmt. Mindestens 30 Personen wurd...
- Iran / Türkei
Illegale Pushbacks, Folter und Waffengewalt gegen Geflüchtete aus Afghanistan
Afghan*innen, die versuchen, die Grenze zum Iran oder zur Türkei zu überqueren, werden routinemässig inhaftiert, misshandelt und zurückgedrängt. Ein neuer Bericht von Amnesty International dokumentier...
- Amnesty-Magazin August 2022: Film
Am Stadtrand von Teheran
In ein Jugend-Abenteuer verpackt, setzt Regisseur Mahmoud Ghaffari in seinem fast neorealistischen Film «A wie Apfel» Nadelstiche gegen die Gesellschaft und die Elite im Iran.
- Iran
In einem halben Jahr mehr als 251 Menschen hingerichtet
Neue Recherchen von Amnesty International und dem Abdorrahman-Boroumand-Zentrum für Menschenrechte im Iran zeigen, dass die iranischen Behörden zwischen dem 1. Januar und dem 30. Juni 2022 mindestens ...