Die Spieler des FC Épalinges und verschiedener Waadtländer Einrichtungen haben im Laufe der Jahre enge Beziehungen geknüpft. © Basile Barbey
Sport und Politik

Inklusion auf dem Fussballplatz

Seit acht Jahren versucht das Waadtländer Fussballprojekt „On s’en foot“ (übersetzt: Das ist uns egal), die Barrieren zwischen Spieler*innen, die mit und ohne Behinderungen leben, zu überwinden. Das Streben nach Inklusion reicht weit über den Platz hinaus.

Am Dienstag, dem 23. September 2025, richten sich alle Blicke auf den Rasen des Stadions “La Tuilière” in Lausanne: Zwei Mannschaften betreten unter dem Jubel der Fans das Spielfeld. Es ist ein Spiel der besonderen Art: Die die ehemaligen Profis von Lausanne Sport treten gegen LS4All an, eine Mannschaft, in der neuroatypische und neurotypische Spieler*innen gemeinsam spielen.

Der Weg auf den Rasen des prestigeträchtigen Waadtländer Stadions war lang. Alles begann im Jahr 2018, als Jean-Marie Perret, Trainer und Präsident des FC Épalinges, eine neue Stelle in der Fördereinrichtung für Menschen mit Behinderung “L’Espérance“ antrat, wo es auch eine Fussballmannschaft gab. “Mir fiel sofort auf,  dass die Gespräche unter diesen Jugendlichen genau die gleichen waren wie bei meinen Spielern beim FC Épalinges. Ich fand es schade und vor allem lächerlich, dass sie voneinander getrennt waren und sich nie begegneten. Also wollte ich die Mannschaft von L’Espérance zu uns einladen.“

Aus dieser Idee entstand das Inklusionsprojekt „On s’en foot“. Warum dieser Name? „Als ich das den Leuten in meinem Umfeld erzählte, sagten sie mir, ich solle auf keinen Fall Spieler*innen mit und ohne Behinderung vermischen. Da dachte ich mir: Das ist doch egal … On s’en foot!“, sagt Jean-Marie Perret.

Gemeinsam spielen

Jean-Marie Perret hat es von Anfang an abgelehnt, Menschen mit Behinderung gegen Nichtbehinderte antreten zu lassen. “Das ist nicht das, was Inklusion ausmacht“, sagt er. Schon bei der ersten Einladung des FC Espérance nach Épalinges wurden die Spieler*innen gemischt. Nach einigen Minuten des Zögerns und der Schüchternheit entfaltete die Magie des Spiels ihre Wirkung. „Alle hatten eine tolle Zeit. Da konnten wir es nicht dabei belassen.“

Seitdem haben die beiden Mannschaften gelernt zusammenzuspielen. Jedes Jahr kommen ein paar neue Gesichter hinzu, die die Reihen bereichern, aber der Teamgeist bleibt derselbe. „Wir spielen so, wie wir es gewohnt sind. Fussball ist an sich eine universelle Sprache“, sagt Noé Largey, Mitglied des FC E Épalinges und des Projekts „On s’en foot“. Etwa ein Dutzend Jugendliche des FC Épalinges treffen sich einmal im Monat mit den 18 Jugendlichen des FC Espérance zu Freundschaftsspielen.

Das 2025 gegründete Team LS4All ist aus dem Projekt „On s’en foot“ entstanden. © Basile Barbey

„On s’en foot“ möchte vor allem die Sichtweise auf Behinderung verändern. „Ihr ganzes Leben lang wurde diesen Spieler*innen gesagt, dass sie nicht wie andere leben und nicht mit anderen Sport treiben könnten“, sagt Jean-Marie Perret. „Diese Einstellung betrifft nicht nur den Sport, sondern alle Bereiche unseres Lebens. Menschen mit Behinderung werden in unserer Gesellschaft immer noch nicht einbezogen.“

Das Projekt will daher vorausschreiten: Etwa indem Inklusion auch auf das Geschlecht ausgeweitet wird. „Die Mannschaften, die ich trainiere, sind gemischt. Aber wir haben nicht viele Mädchen“, räumt Jean-Marie Perret ein. Bei L’Espérance zögern die drei Spielerinnen, die er betreut, sich dem LS4All anzuschliessen. Mit Ausnahme von Susie, der Torhüterin der Mannschaft. „LS4All ist eine ganz besondere Mannschaft. Sie ermöglicht es Menschen mit einer Behinderung, den Leuten zu zeigen, dass wir alles tun können, was ‚normale Menschen‘ tun”, sagt sie.

Das 2025 gegründete LS4All-Team ist die „kleine Schwester“ des Projekts „On s’en foot“. © Lausanne Sport

Inspiration für andere

Das inklusive Projekt hat für Aufsehen gesorgt. Im Jahr 2023 wurde es sogar mit dem Sportpreis “Mérite Sportif Vaudois” ausgezeichnet. Doch Jean-Marie Perret hat weder den Ehrgeiz, es zum Besten seiner Art zu machen, noch möchte er, dass es ein Einzelfall bleibt: „Ich möchte nicht der Waadtländer Sprecher für Inklusion im Fussball sein. Aber ich will andere inspirieren." Angesichts der strukturellen Schwierigkeiten, die die Inklusion von Jugendlichen aus Einrichtungen und die Mobilisierung anderer Vereine noch immer bremsen, fordert er Impulse von oben: „Der ACVF [Fussballverband des Kantons Waadt, Anm. d. Red.] müsste verschiedene Vereine dazu anregen, solche Spiele zu organisieren.“

Weitere motivierte Trainer*innen sollten ausgebildet werden, um ähnliche Begegnungen im Kanton und darüber hinaus zu organisieren. „Ich bin bereit, meine Erfahrungen an alle weiterzugeben, die dieses Abenteuer wagen möchten”, sagt Jean-Marie Perret. “Wir haben einen ersten Schritt in Richtung mehr Inklusion im Fussball gemacht. Das braucht immer Zeit, und man kann es immer noch besser machen. Aber ich bin überzeugt, dass sich alle eine Weiterentwicklung wünschen.“

Für Leotrim, Spieler bei LS4All, hat „On’s en foot“ bereits Früchte getragen. „Ich fühle mich wie in einem Traum, es ist unglaublich“, schwärmt er auf dem Rasen der Tuilière.

Susie ist die Torhüterin des LS4All. © Sportframes

Ihre Meinung ist uns wichtig

Der nächste Termin steht bereits fest: LS4All trifft am 21. September 2026 um 18 Uhr im Stadion „La Tuilière“ auf LS Variété. Der Eintritt ist frei. Kommt vorbei!

Mit dem Schlusspfiff der Fussball-Weltmeisterschaft der Männer endet auch diese Artikelserie. Wenn sie Ihnen gefallen hat oder Sie uns Ihr Feedback mitteilen möchten, schreiben Sie gerne an redaktion@amnesty.ch!