März 2024. Auf den Strassen von Lima ziehen Plakate die Aufmerksamkeit der Passant*innen auf sich: «Wenn eine Mannschaft verliert, nimmt häusliche Gewalt um 25 Prozent zu.» Auf den Plakaten zu sehen sind Fussballspieler*innen auf einem Spielfeld. Einige halten sich die Hände vor die Augen, andere schauen mit leerem Blick in die Ferne. Die Kampagne wurde von Amnesty International Peru gemeinsam mit der Agentur Havas lanciert und reiht sich in zahlreiche ähnliche Initiativen ein, die rund um grosse Fussballturniere in Lateinamerika und Europa entstanden sind.
«Wir können diese Gewalt nicht bekämpfen, wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind. Wir müssen sichtbar machen, was geschieht. Wir müssen unsere Gesellschaften sensibilisieren, damit sich etwas verändert, jetzt und langfristig», erklärte Janis Amayo, Kampagnenverantwortliche bei Havas Peru.
Ein weltweites Phänomen
Bereits lange vor der Kampagne in Peru sorgte der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Fussball für Aufmerksamkeit. Die erste Studie zu diesem Thema führte Anfang der 2000er-Jahre der Arzt Gerardo Araya in Costa Rica durch. Anhand einer Analyse von Polizeidaten über einen Zeitraum von 17 Monaten zeigte er, dass die Zahl der Meldungen von häuslicher Gewalt zunahm, wenn am Tag davor Fussballspiele von Männerteams stattfanden ‒ sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene. In der Folge befassten sich Gesundheitsministerien und Polizeibehörden in Kolumbien, Brasilien, Mexiko und später auch in mehreren europäischen Ländern mit dieser Thematik.
Besonders geprägt hat die öffentliche Debatte jedoch eine britische Studie, die 2014 von Forscher*innen der Lancaster University veröffentlicht wurde. Die Untersuchung analysierte Daten aus der Grafschaft Lancashire während der Fussball-Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 und kam zu alarmierenden Ergebnissen: Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt stieg um 26 Prozent, wenn das englische Team gewann oder unentschieden spielte, und um 38 Prozent, wenn die Mannschaft verlor. Am Tag nach den Spielen lag die Zunahme immer noch bei 11 Prozent.
Diese Zahlen wurden anschliessend von zahlreichen Medien aufgegriffen und in den sozialen Netzwerken verbreitet. Bis heute dienen sie vielen Präventionskampagnen als Referenz. Besonders eindrücklich bleibt die Kampagne des National Centre for Domestic Violence im Vereinigten Königreich mit dem Slogan: «If England gets beaten, so will she» (Wenn England geschlagen wird, wird sie es auch). Die Plakate zeigen das bleiche, blutverschmierte Gesicht einer Frau, wobei die Blutspuren das Kreuz des heiligen Georg bilden, das Symbol Englands.
Katalysator der Gewalt oder Vorwand?
Die zitierten Statistiken sollten mit Vorsicht betrachtet werden: Fussball allein erklärt geschlechtsspezifische oder häusliche Gewalt nicht. Die Forscher*innen der Lancaster University betonen selbst: «Das Turnier findet im Sommer statt, einer Zeit mit höheren Temperaturen, erhöhtem Alkoholkonsum und mehr sozialen Interaktionen. Auch wenn sich die Wettkämpfe nicht eindeutig als Ursache der Gewalt nachweisen lassen, bündeln sie verschiedene Risikofaktoren in einem kurzen und emotional aufgeladenen Zeitraum und verstärken Vorstellungen von Männlichkeit, Rivalität und Aggression». Zugleich weisen sie auf die Notwendigkeit hin, «zu überprüfen, ob sich diese Ergebnisse auch im übrigen Vereinigten Königreich oder in anderen Ländern bestätigen».
Céline Piques, Mediensprecherin der Organisation Osez le féminisme!, erklärte gegenüber der Zeitung Ouest-France, dass der Zusammenhang zwischen Fussball und häuslicher Gewalt «derselbe ist wie beim Alkohol. Wie Alkohol ist auch Fussball nicht die Ursache der Gewalt. Er dient vielmehr als Vorwand oder Auslöser in einer Situation von Machtungleichheit und Gewalt, die bereits besteht. Schon die kleinste Frustration oder Enttäuschung kann dann zu einer erneuten Gewalteskalation gegen die Partnerin führen, die Gewalt wirkt wie ein Ventil.»
Fussball selbst kann daher nicht als Ursache dieser Gewalt verantwortlich gemacht werden. Verantwortlich sind allein die Täter*innen – und das sind überwiegend Männer, wie die Organisation Women's Aid gegenüber der Internet-Zeitung The Independent betonte. Gleichzeitig wies die Women’s Aid darauf hin, dass «sexistische Einstellungen und bestimmte Fangesänge während Fussballspielen ein Umfeld schaffen könnten, in dem Frauen herabgewürdigt und abgewertet werden». Solche Vorfälle werden regelmässig angeprangert und haben in einigen Fällen sogar zur Sperrung einzelner Stadionsektoren geführt.
Hypermaskulinität, Fussball und Gewalt
Fussball gehört zweifellos zu den beliebtesten Sportarten der Welt und vereint Millionen von Menschen durch die Emotionen, die er auslöst. Die Stadien und Fangemeinschaften werden jedes Jahr ein Stück weit vielfältiger und weiblicher.
Gleichzeitig ist Fussball sowohl Institution als auch Kultur und damit ein Raum, in dem bestimmte Formen hegemonialer Männlichkeit reproduziert und aufgewertet werden. In «Sociologie des supporters» weist der Soziologe Ludovic Lestrelin 2022 unter anderem auf die Hypermaskulinität hin, die die Welt des Fussballs prägt, sowie auf den allgegenwärtigen Sexismus in Fangemeinschaften. Bereits zuvor hatte die Forscherin Bérangère Guinhoux 2015 eine Studie über die Ultras durchgeführt, einer besonders engagierten Gruppierung von Fans, in der die Mehrheit der Befragten die Anwesenheit von Frauen als nicht vereinbar mit ihren Aktivitäten oder sogar als störend bewertete.
Diese hypermaskulinen Kulturen können dazu führen, dass einige Männer die Vorstellung verinnerlichen, sie könnten ohne Grenzen oder Konsequenzen handeln ‒ insbesondere gegenüber Frauen. Dieses Phänomen geht weit über die Tribünen hinaus: Es durchzieht die gesamte Fussballkultur und alle, die sie ausmachen. Seit Jahren kommen immer wieder zahlreiche Skandale ans Licht – etwa der erzwungene Kuss des Präsidenten des spanischen Fussballverbandes, Luis Rubiales, gegenüber der Spielerin Jenni Hermoso, der international grosse Aufmerksamkeit erhielt. Auch Noël Le Graët, ehemaliger Präsident des französischen Fussballverbands, stand wegen psychischer und sexueller Belästigung im Fokus von Ermittlungen.
In der Schweiz wurde in den letzten Jahren vor allem ein Vorfall aus dem Jahr 2019 diskutiert, bei dem Anhänger des FC Schaffhausen im Stadion Schützenwiese in Winterthur ein extrem frauenverachtendes Transparent zeigten. Die Täter wurden identifiziert und erhielten Stadionverbote, der Club reagierte mit einem Projekt, das gegen Sexismus, Homophobie und Rassismus im Verein angeht.
Solche Fälle gibt es unzählige. Sie reichen weit über den Fussballsport hinaus und machen sichtbar, wie Formen geschlechtsspezifischer Gewalt in breitere Strukturen männlicher Dominanz eingebettet sind.
Bislang gibt es keine Studie in der Schweiz, die einen direkten Zusammenhang zwischen Fussball und geschlechtsspezifischer Gewalt untersucht. Diese Gewaltform gegen Frauen bleibt aber leider aktuell: Das Bundesamt für Statistik verzeichnet zwischen 2024 und 2025 einen Anstieg häuslicher Gewalt um 4,2 Prozent. Zahlen, die daran erinnern, dass geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt nicht nur während der Fussball-Weltmeisterschaft der Männer stattfindet.